Ob auf dem Weg zum Strand oder bei einem Ausflug ins Hinterland – wer durch den Süden Thailands reist, kommt an den endlosen, sauber ausgerichteten Baumreihen nicht vorbei. Doch was steckt hinter dem „weißen Gold“, das Thailand zum Weltmarktführer gemacht hat?
Begleiten Sie uns auf eine Reise von den Schmugglern des 19. Jahrhunderts bis zur harten Arbeit in den frühen Morgenstunden.

Eine Reise um die Welt: Die Geschichte des Kautschukbaums

Heute gibt es weltweit über 1000 Pflanzenarten, die Milchsaft produzieren. Doch nur eine hat echte Weltbedeutung erlangt: der Hevea brasiliensis.

  • Ursprung: Das Amazonasgebiet.
  • Der Schmuggel: Im 19. Jahrhundert stand auf die Ausfuhr der Samen in Brasilien die Todesstrafe. Erst 1877 gelang es dem Engländer Wickham, 70.000 Samen nach London zu schmuggeln.
  • Ankunft in Thailand: Über Malaysia gelangte der Baum 1901 nach Thailand. Der allererste Kautschukbaum steht übrigens heute noch in Kantang (Provinz Trang).

Seit 1903 wird er auch auf Phuket und in der Region rund um Khao Lak angebaut. Dank neuer Züchtungen wächst er mittlerweile sogar im kühleren Norden des Landes.

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Die Nachtschicht: Ernte im Schein der Stirnlampe

Wenn die meisten Urlauber noch tief schlafen, beginnt für die thailändischen Familien die harte Arbeit. Lange vor Sonnenaufgang, in der kühlsten Zeit des Tages, fahren sie in die Plantagen.

Warum so früh?

Bei kühleren Temperaturen bleibt der Latexsaft länger flüssig. Sobald die Rinde mit einem speziellen Winkelmesser angeschnitten wird, tropft der weiße Saft langsam in Kokosnüsse oder Tontöpfe. Würde man in der Mittagshitze ernten, würde die „Wunde“ am Baum zu schnell verkrusten und der Ertrag wäre deutlich geringer.

  • Ertrag: Etwa 150 bis 200 Milliliter pro Baum.

Handarbeit: Vom Saft zur Gummimatte

Die Weiterverarbeitung auf den kleinen Familienbetrieben ist ein faszinierender, fast schon ritueller Prozess:

  1. Gerinnung: Dem Latexsaft wird Ameisensäure beigemischt, damit er stockt.
  2. Der „Pudding“: Die Masse wird fest wie ein Wackelpudding und auf Matten gestürzt.
  3. Das Breit-Treten: Mit nackten Füßen werden die Klumpen platt gedrückt.
  4. Die Walzen: Wie bei einer alten Wäschemangel wird die Masse durch Eisenwalzen getrieben. Das zweite Walzenpaar ist gerippt – das gibt der Matte Struktur und hilft beim Trocknen.
  5. Trocknung: Die Matten werden auf Bambusstangen aufgehängt. Dabei färbt sich das strahlende Weiß langsam in ein schmutziges Braun.

Thailand: Der unangefochtene Weltmarktführer

Mit einer Jahresproduktion von 1,5 Millionen Tonnen ist Thailand der größte Produzent der Erde. Gemeinsam mit Indonesien und Malaysia deckt das Land 75 % des weltweiten Bedarfs.

Was wird daraus gemacht?

Dank des Vulkanisierungsverfahrens (entwickelt 1839 von Charles Goodyear) entstehen aus den ca. 1,5 kg schweren Matten Produkte für unseren Alltag:

  • Autoreifen
  • Einmalhandschuhe
  • Kondome
  • Möbel (aus dem Holz der erschöpften Bäume nach ca. 25–30 Jahren)

Interessant: Heutzutage geht der Trend weg von der Matte hin zum Sammeln des flüssigen Latex in großen Tanks. Das sorgt für eine einheitlichere Qualität und hält Thailand im globalen Wettbewerb an der Spitze.


Planen Sie eine Tour durch die Plantagen?

Wenn Sie bei Ihrem nächsten Besuch in Khao Lak durch die Wälder fahren, achten Sie einmal auf die kleinen Tontöpfe an den Stämmen. Es ist das Herzstück der thailändischen Wirtschaft!

Möchten Sie mehr über die lokale Landwirtschaft erfahren oder haben Sie Fragen zur Verarbeitung? Schreiben Sie es uns in die Kommentare!


Kautschuk FAQ

Ist Thailand für Kautschuk berühmt?

Thailand ist der weltweit größte Produzent und Exporteur von Naturkautschuk. Mit einem globalen Marktanteil von über 35 % (ca. 4,8 bis 5,3 Millionen Tonnen jährlich) ist das Land die unangefochtene Nummer 1 vor Indonesien und Vietnam.
Besonders im Süden Thailands – wie in der Region Phang Nga und Khao Lak – prägen die Plantagen das Landschaftsbild und sind die wichtigste Lebensgrundlage für Millionen von Kleinbauern. Der dort gewonnene Latexsaft ist ein unverzichtbarer Rohstoff für die weltweite Automobilindustrie (Reifen) sowie für medizinische Produkte. Wer früh morgens unterwegs ist, kann die Farmer oft live beim „Zapfen“ im Schein ihrer Stirnlampen beobachten.

Was macht man aus Kautschuk?

Naturkautschuk ist ein extrem vielseitiger Rohstoff, der aufgrund seiner Elastizität und Strapazierfähigkeit in tausenden Produkten steckt. Die Hauptanwendungsgebiete sind:
Automobilindustrie: Über 70 % der Weltproduktion fließt in die Herstellung von Reifen (PKW, LKW und Flugzeuge).
Medizin & Hygiene: Unverzichtbar für Einmalhandschuhe, Katheter, Pflaster und Kondome.
Haushalt & Mode: Gummistiefel, elastische Bündchen in Kleidung, Radiergummis, Matratzen (Naturlatex) und Wärmflaschen.
Industrie: Förderbänder, Dichtungen, Schläuche und Isolierungen für Kabel.
Durch das Verfahren der Vulkanisierung (Beigabe von Schwefel) kann die Härte des Gummis präzise gesteuert werden – von weichen Gummibändern bis hin zu harten Werkzeuggriffen.

Wie wird Kautschuk geerntet?

Die Ernte erfolgt in drei Schritten:
Anschneiden: In den kühlen Stunden vor Sonnenaufgang schneidet der Farmer die Rinde mit einem Spezialmesser hauchdünn an.
Sammeln: Der weiße Latexsaft tropft über Stunden in eine am Stamm befestigte Schale.
Verarbeiten: Der Saft wird mit Ameisensäure angedickt, zu Matten gepresst und an der Luft getrocknet.

Ein Baum liefert ab dem 6. Jahr für etwa 25 Jahre lang regelmäßig diesen wertvollen Rohstoff.


Ekkehard Schwadtke

Ekkehard Schwadtke

„Ist ein deutscher Apotheker, der seit über 30 Jahren in Thailand lebt. Als anerkannter Orchideenexperte hat er sich in der internationalen Botanik einen Namen gemacht: Eine von ihm entdeckte Orchideenart wurde 2016 nach ihm benannt – Coelogyne schwadtkii.
Über viele Jahre betrieb er Orchideengärten in Khao Lak und auf Koh Lanta, wo seine Lanta Orchid Nursery als Anlaufstelle für seltene einheimische Arten bekannt war. Seine jahrzehntelange Präsenz vor Ort macht ihn zu einem profunden Kenner Thailands in botanischer wie kultureller Hinsicht.“